Um psychedelische Begleitung als professionelles Wirkungsfeld zu etablieren ist es wichtig, von Zeit zu Zeit auch mal „rauszuzoomen“ und genauer zu reflektieren, auf welchen Grundlagen und Grundannahmen diese Arbeit fußen kann. An dieser Stelle wollen wir genau das tun: reflektieren, worin sich die angemessene „Haltung“ zeigt und was wir am KULA Institute darunter eigentlich verstehen.
Philosophische Grundlagen der psychedelischen Begleitung
Unser In-der-Welt-Sein ist stets eingebunden in ein größeres Ganzes. Wir stehen in Beziehungen zu anderen Menschen und sind in fortlaufende Prozesse involviert. In manchen Momenten fühlen wir uns von diesen Prozessen getragen, in anderen isoliert oder handlungsunfähig. Diese Erfahrung ist in vielen Bereichen unseres Lebens präsent – besonders jedoch in tiefgehenden Bewusstseinsprozessen, wie sie in der psychedelischen Begleitung auftreten.
Gabriel Marcels Begriff der Verfügbarkeit (disponibilité) beschreibt eine Haltung der Offenheit und Empfänglichkeit, die es ermöglicht, sich auf das Geschehen einzulassen, anstatt es kontrollieren zu wollen. In der psychedelischen Begleitung ist eine solche Haltung entscheidend, da sie den begleiteten Personen erlaubt, sich ihrem eigenen Erleben hinzugeben, ohne von Bewertungen oder Interventionen des Begleiters eingeschränkt zu werden.
Anmerkung:
Gabriel Marcel (1889–1973) war ein französischer Philosoph, Dramatiker und Denker, der oft dem christlichen Existenzialismus zugeordnet wird. Anders als viele abstrakt argumentierende Philosophen schrieb Marcel aus einer stark lebensnahen, erfahrungsbezogenen Perspektive. Ihn interessierten weniger theoretische Systeme als die konkreten Fragen menschlicher Existenz: Beziehung, Treue, Hoffnung, Verzweiflung, Gegenwart und Verbundenheit.
Zentral in seinem Denken ist die Überzeugung, dass wir Menschen nicht isolierte Beobachter der Welt sind, sondern immer schon in Beziehungen stehen: „in Öffnung zur Welt“, also zu anderen Menschen, zu unserem eigenen Leib (gespürter Körper) und zu einem größeren Sinnzusammenhang. Seine Unterscheidung zwischen „Problem“ und „Mysterium“ sowie sein Begriff der „Verfügbarkeit“ laden dazu ein, eine Haltung der Präsenz, Offenheit und inneren Beteiligung zu kultivieren.
Für das Nachdenken darüber, was gute psychedelische Begleitung ausmacht, ist Marcels Denken fruchtbar, weil es weniger um Technik oder Methode geht, sondern um die Qualität der inneren Haltung:
- Wie bin ich anwesend?
- Kann ich Raum halten, ohne eingreifen zu müssen ?
- Bin ich verfügbar für das, was sich zeigt?
Das breite Feld der psychedelischen Begleitung
Die Unterscheidung von Problem und Mysterium
Marcel unterscheidet zwei Weisen des Denkens und der Weltbeziehung:
- Problem-Denken: Eine analytische Herangehensweise, die darauf abzielt, Sachverhalte zu lösen oder zu beherrschen.
- Mysterium: Ein Bereich, in dem der Mensch nicht als distanzierter Beobachter agiert, sondern unmittelbar involviert ist.
In der psychedelischen Begleitung begegnen wir oft Mysterien, die sich nicht durch kognitive Analyse lösen lassen. Menschen erleben tiefgreifende existenzielle Einsichten, spirituelle Erfahrungen oder emotionale Prozesse, die nicht durch rationale Erklärungen bewältigt werden können. Der Begleiter sollte daher nicht versuchen, das Erlebte zu „entschlüsseln“ oder zu interpretieren, sondern einen Raum halten, in dem sich die Erfahrung entfalten kann.
Der Leib als Wurzel der Verfügbarkeit
Marcel sieht den Leib als fundamentale Bedingung unseres Seins in der Welt. Der Leib ist nicht nur ein physisches Objekt, sondern der Ort, an dem wir mit der Welt in Beziehung treten. Diese Sichtweise ist besonders relevant für die psychedelische Begleitung, da psychedelische Substanzen häufig intensive körperliche Empfindungen hervorrufen, die als Teil der Erfahrung integriert werden müssen.
Praktische Anwendung
Praktische Anwendung:
- Eine Verankerung im eigenen Körper hilft Begleitenden, präsent zu bleiben und nicht von den Emotionen des Begleiteten mitgerissen zu werden.
- Körperliche Empfindungen können als Wegweiser für emotionale Prozesse genutzt werden, anstatt sie als störend zu betrachten.
Eine achtsame Körperwahrnehmung ermöglicht es, Unsicherheiten oder Ängste frühzeitig zu erkennen und ihnen mit Ruhe zu begegnen.
Präsenz und Empfänglichkeit als Merkmale von Verfügbarkeit
Verfügbarkeit im Sinne Marcels bedeutet nicht bloße Passivität, sondern eine aktive Ansprechbarkeit. Dies erfordert die Fähigkeit, das Geschehen aufzunehmen, ohne es unmittelbar zu bewerten oder zu beeinflussen.
In der psychedelischen Begleitung bedeutet dies:
- Nicht-Wissen zulassen: Der Begleiter sollte keine vorschnellen Interpretationen liefern, sondern sich gemeinsam mit dem Begleiteten auf das Unbekannte einlassen.
- Präsenz statt Kontrolle: Eine offene Haltung ermöglicht es, die Erfahrung in ihrer Tiefe zu durchleben, anstatt sie durch kognitive Strukturen zu begrenzen.
Raum halten für Unsicherheit: Psychedelische Erfahrungen sind oft herausfordernd und lösen existentielle Fragen aus. Eine gute Begleitung kann helfen, diesen Raum (aus-)zu(-)halten, ohne ihn mit Anderem zu füllen.
Unverfügbarkeit: Selbstverschlossenheit als Hindernis
Unverfügbarkeit beschreibt bei Marcel eine Haltung der Selbstverschlossenheit, die echte Begegnung verhindert. Dies geschieht besonders dann, wenn Menschen sich in ihren eigenen Gedanken, Erwartungen oder Ängsten verfangen.
In der psychedelischen Begleitung äußert sich Unverfügbarkeit, wenn der Begleiter:
- zu stark mit eigenen Unsicherheiten beschäftigt ist und daher nicht wirklich präsent sein kann.
- seine eigenen Erfahrungen oder Erwartungen überträgt und die Erfahrung des anderen dadurch unbewusst formt.
- in eine rein technische oder distanzierte Haltung verfällt, anstatt sich als mitfühlendes Gegenüber zu zeigen.
Verfügbarkeit bedeutet daher nicht nur Offenheit für den Begleiteten, sondern auch eine kontinuierliche Arbeit an der eigenen Präsenz und Selbstwahrnehmung.
Absolute Verfügbarkeit vs. Grenzen setzen
Wie offen darf ich sein als Begleiter psychedelischer Erfahrungen?
Marcel beschreibt eine Form der absoluten Verfügbarkeit als Ideal der vollständigen Hingabe an den Anderen. Allerdings betont er auch die Gefahr des Selbstverlusts. In der psychedelischen Begleitung ist es entscheidend, eine Balance zwischen Offenheit und gesunden Grenzen zu finden.
Konkret bedeutet das:
- Ein Begleiter muss präsent und offen sein, aber sich nicht völlig in der Erfahrung des anderen verlieren.
- Grenzen wahren bedeutet nicht notwendigerweise Distanz, sondern die Fähigkeit, mitfühlend, aber nicht vereinnahmt zu sein.
Eine zu starke Identifikation mit dem Prozess des Begleiteten kann dazu führen, dass der Begleiter nicht mehr verfügbar (disponible) für Eindrücke ist, die außerhalb dessen liegen (z.B. eigene Intuitionen, die Möglichkeit zum Perspektivwechsel etc.).
Hoffnung als Kern von Verfügbarkeit
Marcel verbindet Verfügbarkeit mit einer Haltung der Hoffnung. Hoffnung bedeutet hier nicht naive Erwartung, sondern eine grundlegende Offenheit für das, was kommt. Dies ist auch ein zentrales Element der psychedelischen Begleitung, in der Menschen oft mit tiefen Unsicherheiten oder Ängsten konfrontiert werden.
Psychedelische Begleitung im Vertrauen
Ein begleitender Mensch, der in Hoffnung handelt, vermittelt:
- Vertrauen in den Prozess und dass jede Erfahrung ihren Platz hat.
- Die Bereitschaft, das Ungewisse zu akzeptieren, ohne es vorschnell zu interpretieren oder zu bewerten.
- Ruhe und Zuversicht, die den Begleiteten helfen, sich selbst zu vertrauen.
Fazit: Verfügbarkeit als Haltung in der psychedelischen Begleitung
Marcels Konzept der Verfügbarkeit bietet eine wertvolle Grundlage für eine unterstützende, nicht-direktive Haltung in der psychedelischen Begleitung:
- Offenheit und Präsenz statt Kontrolle.
- Raum halten für das Unbekannte.
- Aus dem Körper (dem eigenen In-der-Welt-sein) heraus arbeiten, statt sich in Gedanken zu verlieren.
- Mitfühlen ohne Vereinnahmung.
- Vertrauen in den Prozess.
Diese Haltung ermöglicht eine Begleitung, die nicht manipuliert oder steuert, sondern unterstützt und den Raum des Möglichen erweitert. Sie fördert eine tiefgehende, respektvolle Beziehung zwischen Begleiter und Begleiteten und hilft, den Raum für transformative Erfahrungen zu öffnen.
Philosophie als Orientierungshilfe in einem schnell wachsenden Feld
Psychedelische Begleitung kann sowohl ein Weg der beruflichen Weiterbildung, als auch ein Weg tiefgehender Selbsterfahrung sein. Wichtig ist so oder so: zu reflektieren, was wir tun, warum wir es tun und wie wir es tun. Philosophische Überlegungen können ein hilfreiches Werkzeug dabei sein, im breiten Feld der psychedelischen Begleitung sowohl die richtige Ausbildung, als auch das für dich passende Setting, in dem du arbeiten möchtest zu finden. Die Vielfalt ist groß, die Verantwortung auch. Wenn du eine Weiterbildung in psychedelischer Begleitung oder ein Psychedelic Facilitator Training suchst, können wir dir nur ans Herz legen, vorher gut zu prüfen, inwiefern Haltung und Menschenbild der Ausbildung mit deinen eigenen Werten korrelieren. Danke für deine Aufmerksamkeit und lass uns gerne deine Gedanken hierzu wissen!
Vom Denken ins Handeln: wenn du weitergehen willst...
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